Leben in der Zeitlosigkeit



Eine Person begibt sich unter Beobachtung in einen Raum. Die Mauern sind einen Meter dick, es gibt keine Fenster. Kein Sonnenstrahl kann von außen eindringen. Der Raum wird autonom mit Strom und Wasser versorgt. Jede direkte und indirekte Information über die Tageszeit ist vollkommen ausgeschlossen. Es handelt sich hierbei nicht um die Beschreibung einer neuen Staffel von "Big Brother". Die Person im Raum kann weder Geld gewinnen, noch ist sie im TV zu sehen. Sie nimmt an einem chronobiologischen Forschungsprogramm teil.

 



Anfang der 60er Jahre stellten sich die Chronobiologen Jürgen Aschoff und Rüdger Wever von Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung die Frage, woher die Rhythmen in unserem Leben kommen. Sind wir Menschen nur Marionetten der Natur oder haben wir eigene innere Rhythmen, die von äußeren Gege-benheiten unabhängig sind. Haben wir eine innere Uhr?

 

Aschoff und Wever beschränkten sich bei den folgenden Untersuchungen auf einen der beeindruckendsten der menschlichen biologischen Rhythmen, auf den Schlaf-Wach-Rhythmus. Nachts schlafen wir, morgens werden wir wach und bleiben es den ganzen Tag über. Woher kommt dieser Rhythmus? Sie wollten beobachten, ob und wie sich das Schlaf-Wach-Verhalten verändert, wenn eine Person ohne Zeit lebt.

Es genügte nicht, den Versuchspersonen die Uhren abzunehmen und die Türen und Fenster zu schließen. Viel mehr Faktoren geben uns Hinweise über die Tageszeit. Deshalb konstruierten sie eine Umgebung experimenteller Zeitlosigkeit - den Andechser Bunker. Er ist ein optisch und akustisch abgeschirmter unterirdischer Versuchsraum, der seinen Namen seinem Aussehen und seinem Standort, Andechs bei München, verdankt.

 

Der Raum ist nur über einen Ausgang erreichbar, die Schleuse. Ihre beiden Türen können nicht gleichzeitig geöffnet werden. Ein Aufeinandertreffen von Versuchsteilnehmer und Beobachter ist unmöglich. Kontakt zur Außenwelt hat der Eingeschlossene nur indirekt über Briefe und Zeitungen, die verzögert und unregelmäßig in die Schleuse gelegt werden.

Jeden Tag muss die Person Fragebögen und Bestellzettel ausfüllen, Reaktionstests absolvieren und Tagebuch führen. Der Rest der Zeit steht zur freien Verfügung. Freiwillige Versuchspersonen begaben sich hier etwa einen Monat lang in die experimentelle Zeitlosigkeit. Vor ihrem Einzug in den Bunker mussten sich die Versuchspersonen allerdings einigen Tests unterziehen, um ihre physiologische und psychische Gesundheit zu sichern. Sie wurden außerdem über ihre Pflichten, wie das Tagebuchschreiben und das Protokollieren jeglicher Tätigkeiten im Bunker, unterrichtet.

 

Im Bunker konnten die Versuchspersonen selber entscheiden, wann sie was tun wollten, wann sie schlafen, wann und wie lange sie wach sind oder wann sie essen. Sie konnten selbst entscheiden, wie lange ihr ganz persönlicher Tag dauern sollte. Wenn es körpereigene Rhythmen gibt, konnten diese sich unter diesen Voraussetzungen frei entfalten.

Die Versuche wurden Freilaufversuche genannt. Von 1964-1989 nahmen 447 Versuchspersonen an 412 Untersuchungen im Andechser Bunker teil. Schon bald stellte sich heraus, dass die meisten Versuchspersonen einen geregelten Tagesablauf verfolgten. Etwa ein Drittel ihres Tages schliefen sie und zwei Drittel waren sie wach. Sie standen zu einer bestimmten Zeit auf, frühstückten, beschäftigten sich, aßen wieder etwas und gingen nach einer dritten Mahlzeit wieder schlafen. Eines war jedoch sehr auffällig. Bei beinahe allen Versuchspersonen pendelte sich der Tagesrhythmus nicht auf 24 Stunden ein, sondern betrug durchschnittlich 25 Stunden.

Wenn der Versuch nach der zuvor festgelegten Zeit von 31 Tagen beendet wurde und die Personen aus dem Bunker kommen durften, waren sie oft irritiert. Sie nahmen an, der Versuch werde schon eher abgebrochen, obwohl sie sich an alle Vorgaben gehalten hatten. Denn die Versuchspersonen hatten nach 31 geographischen Tagen erst weniger als 30 "eigene" Tage erlebt.

 

Aschoff und Wever kamen zu dem Ergebnis, dass der Mensch tatsächlich so etwas wie eine innere Uhr mit einem 25-Stunden-Rhythmus hat. Aufgrund dieser Ergebnisse stellten sich die Forscher schnell die Frage, warum wir, wenn wir in der Zeitlosigkeit leben, einen 25-Stunden-Tag verfolgen, uns aber problemlos an den 24-Stunden-Tag der Erdrotation anpassen können. Was stellt unsere 25-Stunden-Uhr auf einen 24-Stunden-Tag ein?

Es musste bestimmte Einflussfaktoren geben. Jürgen Aschoff nannte diese Faktoren Zeitgeber. Der Begriff Zeitgeber wurde anschließend von vielen internationalen Chronobiologen unübersetzt übernommen. Die Wissenschaftler untersuchten zunächst das Licht als möglichen Zeitgeber: Im folgenden konnten die Versuchspersonen die Beleuchtung frei wählen, oder automatisches Licht gab ihnen einen 24 Stunden-Tag vor. Aschoff und Wever schlossen daraus, dass Licht über 2500 Lux (entspricht etwa der Tageslichtstärke) ein sehr starker Zeitgeber ist. Eine Glühbirne erzeugt nur ca. 300 Lux und reicht nicht aus, um unsere innere Uhr zu stellen.

 

Auf der Suche nach weiteren Zeitgebern erforschten Aschoff und Wever noch die Wirkung von sozialem Kontakt, einfachen Signalen, Aktivität und geregelten Mahlzeiten. All diese Faktoren stellten sich ebenfalls als Zeitgeber heraus, die uns helfen, unsere 25-Stunden-Uhr auf einen 24-Stunden-Tag zu synchronisieren. Im Alltag begegnen wir noch vielen weiteren Zeitgebern. Wir haben meist einen geregelten Tagesablauf mit festen Arbeitszeiten und regelmäßigen Freizeitaktivitäten.

 

Mit all den schwachen und starken Zeitgebern, die uns tagtäglich begegnen, hat sich ein Zusammenspiel mit unserer inneren Uhr entwickelt, mit dem wir uns perfekt an einen 24-Stunden-Tag anpassen. Ohne diese Flexibilität würde schon bei unserer Geburt ein unveränderbarer Rhythmus festgelegt. Es wäre uns nicht möglich, unsere Schlaf- und Wachzeiten am Wochenende zu variieren oder Reisen über Zeitzonen hinweg zu unternehmen. Wenn wir also auf unsere innere Uhr hören und sie nicht zu oft aus dem Takt bringen, garantiert sie uns Lebensqualität.

 

Davina Bringewat


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